Rotkäppchen neu erzählt
Red Cap // Agnes Bachmaier
Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem tiefen, tiefen Wald, ein wunderschönes Mädchen, stets gesehen mit einem roten Baseballkäppchen.
Ihr Ruf eilte Ihr voraus.
Man nannte sie Red Cap.
Sie war Anführerin der berüchtigten Gruppierung “the lost girls”. Zusammen mit Alice D. und Schneeflittchen war sie an Durchtriebenheit, Hedonismus und Wood Credibility kaum zu übertreffen.
Red Cap’s Ehrgeiz stand in langer Tradition, sie war die Enkelin der fürchterlichen Zahnfee.
Diese hatte vor langer Zeit das halluzinogene Potential gemahlener Wolfsreißzähne entdeckt. Seit jenem Tage vertickte die Zahnfee sehr erfolgreich einen mit jener Spezialzutat versehenen Kuchen, “the cake”.
So war es für Red Cap unumgängliche Konsequenz, Zahnfees Imperium weiter zu vertreten. Um die Drogenabhängigkeit in der Hood noch zu dramatisieren, organisierten Red Cap, Alice D. und Schneeflittchen täglich das sogenannte Rainbow Festival.
Schneeflittchen lebte in wilder Ehe mit 7 kleinwüchsigen Bergarbeitern, die für sie Crystel abbauten. Als Start-Up sehr beliebt. Alice D.’s Trips waren legendär und gern genossen in Kombination mit Brother Grimm’s Trancehall.
Ohne Cake allerdings, wäre jedes Rainbow ins Wasser gefallen. Deswegen waren die Babes, wenn sie nicht gerade hardcore feierten, für gewöhnlich auf Wolfsjagd.
Meistens schnappten sie sich Babywölfchen, indem sie die Wolfsmütter mit vergifteten Geschossen betäubten, um dann den schutzlosen Fellknäulen die Reißzähne zu ziehen.
In Großmutter Zahnfee’s Backstube entstanden dann die Cakes: Vanilla, Blueberry und Tripple Chocolate.
Als Red Cap eines Tages mit einer noch warmen Lieferung Vanilla Cake in Richtung Rainbow Headquarters unterwegs war, fiel ihr auf einer ins Abendrot getauchten Lichtung ein wunderschöner Jüngling mit außerordentlich kräftiger Bauchmuskulatur auf.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Red Cap’s eisblaue Augen funkelten hellrosa, als Lucky Lupo sie mit Himbeeren fütterte und sie sein Brusthaar kräuselte.
Die Romantisy schien perfekt, als auch noch ein silberner Vollmond am Horizont aufging. Doch in diesem Moment ertönte übellauniges Grunzen und Lucky Lupo hatte sich in einen reißzahnlosen Wolf verwandelt.
Der Knoten war geplatzt, doch Red Cap blieb loyal.
Durch Lupo erfuhr sie vom Leiden der Wölfe, die durch ihre brutale Praktik zum Vegetarier-Dasein gezwungen waren und mit schlimmen Mangelerscheinungen zu kämpfen hatten.
Red Cap war bereit auszusteigen und das bedeutete die schwerwiegendste Entscheidung ihres Lebens.
Sie wusste, von nun an würde sie nur noch an einem revolutionären Tofukochbuch schreiben und zuammen mit Lupo eine rote Batikkollektion entwickeln.
Die “Lost Girls” waren ohne ihre charismatische Anführerin nur noch ein Haufen abgestürzter Tussen und auch die Zahnfee war aufgrund ihres hohen Alters nicht mehr in der Lage selbst auf Wolfsjagd zu gehen. Das war für die Hood ein großes Glück! Alle fingen mit Handarbeit, nachmittäglichen Teepartys, sowie dem Backen unbedenklicher Himbeerschnittchen an. Auf Red Cap’s Lippen war nun auch immer ein leichter Himbeergeschmack sowie ein unschuldiges Lächeln und wenn sie nicht gestorben ist, dann lächelt sie noch heute.
// Niklas Klein
1109 knarzt es durch das alte Funkgerät. Die zwei übermüdeten Kriminalpolizisten, welche sich gerade den zweiten Kaffee an der Currywurstbude holten schauen sich schweigend an, steigen ohne Worte in den Wagen und fahren los. Die Straßen sind leer, nur das Auto der Beiden, mit dem vorweg eilenden Blaulicht erhellt die Dunkelheit der kleinen Stadt.
Das Auto hält vor einem hell leuchtenden 24 Stunden Supermarkt. Die letzten Reste des Kaffees werden langsam geschlürft, der Motor ausgemacht. Einer der Beiden geht an den Kofferraum holt die beiden kugelsicheren Westen, und ein Gewehr. Mit den Waffen im Anschlag betreten die Zwei den Supermarkt. Langsam durchstreifen sie die Regal reihen. Die schaurige Stille wird von dem kleineren Polizisten durchbrochen. „ Hier ist niemand, wirklich niemand, lass uns ein Eis holen und verschwinden, die Sonne geht gleich auf“. Er öffnet die beschlagene Gefriertruhe und greift ohne hinein zusehen in die Tiefe. Und fasst auf einen noch warmen, starren Körper.
In der Truhe liegt mit einem roten Turnbeutel über dem Kopf, dessen Kordeln deutliche Abdrücke am Hals hinterlassen haben, ein junger Mann, gekleidet in der Uniform des Supermarktes.
Die Sonne ist mittlerweile aufgegangen. Langsam füllt sich der Supermarkt mit Polizisten und der Spurensuche. Die ersten Passanten beginnen draußen zu schimpfen, da sie nicht ihren morgendlichen Zeitungskauf tätigen können.
In dem kleinen Hinterzimmer, bei flimmerndem Licht, wird das Videoband der Überwachungskamera zurück gespult.
Auf dem kleinen Bildschirm sieht man wie sich der nun tote Verkäufer langweilt. Um 3Uhr betritt unbemerkt und zügig ein Mann mit schwarzer Hose und rotem Kapuzenpullover den Laden. Er läuft direkt auf die Kasse zu. Als der hinter der Theke sitzende Junge aufblickt wird ihm auch schon der Turnbeutel über den Kopf gestülpt. Der Kapuzenmann zerrt den zappelnden Körper über die Theke und quer durch den Supermarkt, an der Gefriertruhe angelangt wird der regungslose Körper wie ein nasser Sack in diese gehievt. Kurz vorm Verlassen des Ladens dreht sich der Kapuzenmann noch einmal um und verneigt sich in Richtung Kamera. Bei näherem hinzoomen erkennt man das unter der roten Kapuze verborgene Gesicht, oder besser die Maske, eine Wolfsmaske.
Kein Fingerabdruck, keine DNA Spur, nichts, außer die geschätzte Größe von etwa 1,80 Meter ist vom Mann mit der Wolfsmaske zurück geblieben.
Recht schnell wurde die Familie des Jungen ausfindig gemacht. Tot.
// Cathrin Ziegler
Morgen werde ich meine Großmutter besuchen. Sie wohnt in ein ganzes Stück von unserem Haus entfernt und man muss ein kleines Waldstück durchqueren um zu ihr zu gelangen. Der Wald ist an dieser Stelle sehr dicht und die schmalen Wege sind von riesigen, knotigen Wurzeln durchzogen. Ich werde die Strecke deshalb zu Fuß zurücklegen müssen, auch wenn mir der Wald nicht geheuer ist. Meine Großmutter vertraut darauf, dass ich ihr Lebensmittel und Medikamente vorbeibringe, denn sie erholt sich von einer schweren Krankheit.
Ich kann nicht schlafen, seltsame Geräusche dringen aus dem Wald an mein Ohr und lassen vor meinem inneren Auge die grauenvollsten Bilder entstehen. Ich stehe auf und ziehe die Vorhänge zu, denn ich kann das groteske Schattentheater, das der Wald auf meinen Wänden veranstaltet nicht mehr ertragen. Vom Rauschen der Baumwipfel wie hypnotisiert falle ich schließlich in einen unruhigen Schlaf.
Der Morgen kommt zu früh. Wie in Trance stehe ich auf und mache mich bereit für den Weg durch den Wald. Ich packe Medikamente und Lebensmittel in einen kleinen Korb und hole meinen roten Mantel aus dem Schrank. Er ist warm und gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit, das ich jetzt so dringend brauche.
Ich atme tief durch und trete an den Waldrand. Schweren Herzens mache ich einen Schritt nach vorne und spüre, wie die Stille über meinem Kopf zusammenschlägt wie Wellen, die mich verschlucken. Der Klang meiner Schritte wird vom weichen Moosboden gänzlich geschluckt. Mein Blick fällt auf einen Vogel, der auf einem Ast neben mir seinen Schnabel öffnet und wieder schließt, ein klägliches, gedämpftes Zwitschern entfährt seiner Kehle. Es klingt wie eine Warnung.
Ich setze einen Schritt vor den anderen. Erst vorsichtig, dann immer schneller bis ich schließlich renne. Ich laufe davon vor meiner eigenen Angst. Doch sie holt mich bei jedem Knacken, jedem Knistern, das aus dem Wald dringt, wieder ein. Dann ist plötzlich noch ein weiteres Geräusch zu hören, ein Knurren. Verdächtig nahe an meinem Ohr. Ruckartig drehe ich mich um und sehe hinter mir auf dem Weg sitzend einen gewaltigen, grauen Wolf, die Zähne gefletscht, die Nackenhaare aufgestellt. Lange Speichelfäden reichen von seinen gelben Zähnen bis zum Boden.
Ich bin starr vor Angst. Der Moment scheint sich unendlich auszudehnen. Jede Sekunde davon rechne ich damit, dass er mich anspringt und mir die Kehle durchbeisst.
Visionen von Blut und Schmerz benebeln mir schlagartig die Sicht. Ich versuche sie zu unterdrücken. Als mein Blick wieder klar wird, ist der Wolf plötzlich verschwunden. Meine Augen tasten fiebrig meine gesamte Umgebung ab, und auch wenn mir ist als könnte ich das Knurren noch deutlich hören, kann ich keinen Wolf, nicht mal einen Vogel oder ein anderes Tier entdecken.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Weg fortzusetzen, das seltsame Knurren tönt mir immer noch in den Ohren. Ich nehme mir vor langsam und bedächtig zu gehen, die Angst schiebt mich jedoch schneller und immer schneller vor sich her. Ich bin ihr wehrlos ausgeliefert. Sie zwingt mich dazu in jedem Schatten, jedem Ast etwas schauriges zu erkennen. Immer wieder muss ich mich umdrehen um mich zu vergewissern, dass der Wolf mich nicht verfolgt.
Endlich erhebt sich vor mir groß und dunkel das Haus meiner Großmutter. Ich kann mich nun nicht mehr zurückhalten und renne die letzten Meter. Hastig stoße ich die Tür auf und rufe nach meiner Großmutter. Keine Antwort. Ich steige die Stufen zu ihrem Schlafzimmer empor und trete an ihr Bett. Sie schläft tief und fest, erschöpft von ihrer Krankheit. Ich beuge mich über ihr Gesicht - und erschaudere. Tief in mir drin spüre ich, dass etwas nicht stimmt. Dann sehe ich ihre Nase, seltsam groß und grau ragt sie scheinbar viel zu weit aus ihrem Gesicht heraus. Plötzlich fühle ich mich als würde ich fallen. Ein seltsames Gefühl von Entrücktheit überkommt mich. Ich gehöre hier nicht her, das weiß ich jetzt und sehe nun auch die spitzen gelben Zähne, die aus dem faltigen, Mund meiner Großmutter wachsen und die seltsam entstellten, haarigen Ohren, die so gar nicht zum sonst so gepflegten Äußeren meiner Großmutter passen. Irgendetwas stimmt hier nicht.
Und dann ertönt es wieder, das tiefe Knurren. Diesmal ist es so laut, dass es mein gesamtes Denken erfüllt. Es dringt durch meinen Körper, ergreift Besitz von meinem Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen, Denken - von meinem Ich. Ich bin nicht mehr ich selbst. Niemand, nicht einmal ich kann meine Hand aufhalten, als sie in den Korb greift und das große, scharfe Messer herausholt. Ich beobachte von einem entfernten Winkel meines Körpers aus wie sich meine Hand mit dem Messer hebt und in das grotesk-entstellte Gesicht meiner Großmutter stößt, fest entschlossen das Grauen, das sich dort widerspiegelt, zu vertreiben. Sie wacht nicht einmal auf, so schnell ist es vorbei. Als das Blut ihr Gesicht bedeckt und das durchdringende Knurren endlich abebbt, atme ich erleichtert auf und Grinse zufrieden in der Gewissheit das Böse vertrieben zu haben. Zumindest fürs Erste.